In den Nebeln der Wikingerzeit finden wir eine mysteriöse Figur: die Völva. Sie war die Seherin, die Prophetin und die Stabträgerin der nordgermanischen Gesellschaft. Archäologische Funde, wie das faszinierende Grab A505 in Roskilde, zeigen uns, dass diese Frauen eine respektierte und mächtige gesellschaftliche Rolle erfüllten, oft begleitet von Attributen, die ihren Status unterstrichen.

Schnelle Fakten: Die Völva
Bedeutung: Völva bedeutet wörtlich "Stabträgerin", bezogen auf den magischen Stab (gandr), den sie handhabte.
Ursprung: Die Wurzeln sowohl von völva als auch seiðr reichen bis ins Proto-Indoeuropäische zurück. Das Wort seiðr ist verwandt mit dem indoeuropäischen seiH2i- ("binden"), was auf das "Binden" des Schicksals verweist.
Gesellschaftliche Rolle: Seherinnen wurden bereits seit der Römischen Zeit erwähnt und bekleideten eine autoritäre Position in der Gesellschaft.
Archäologie: Gräber von Völvas sind oft erkennbar an Zauberstäben, Spinnrädern (das Spinnen des Schicksals) und manchmal sogar halluzinogenen Samen.

Eine jahrhundertealte Tradition
Die Völva war kein einzigartiges norwegisches Phänomen. Bereits in der Römischen Zeit schrieben Historiker über germanische Seherinnen wie Veleda und Ganna. Sie traten als Botschafterinnen auf und führten manchmal sogar bewaffnete Widerstände an. Das Konzept der Völva ist tief verwurzelt in einer uralten Tradition, in der sie die Brücke zwischen der physischen Welt und dem spirituellen Reich bildeten. Sie waren die Hüterinnen von Geheimnissen, oft bezeichnet mit dem Proto-Germanischen Begriff χalja-rūnō(n), was "Geheimnis der Hel (der Toten)" bedeutet.

Proto-Völvas in der Bronzezeit
Zwei besondere dänische Gräber aus der Nordischen Bronzezeit stechen hervor. Das Hvidegaard-Grab und das Maglehøj-Grab. Beide stammen aus dem Zeitraum 1300–1100 v.Chr. Die Verstorbenen erhielten kleine Ledergurttaschen oder Kästchen mit auffälligen Objekten mit ins Grab. Archäologen vermuten, dass diese Gegenstände für Rituale, Magie oder Wahrsagung verwendet wurden.
Das bekannteste ist das Hvidegaard-Grab aus Dänemark. Unter einem großen Stein lagen die eingeäscherten Überreste mehrerer Personen, zusammen mit einem Schwert und einer reichlich gefüllten Ledergurttasche. In dieser Tasche befanden sich unter anderem:
ein Feuerstein-Feuerzeug
ein Bronzemesser
ein Rasiermesser mit Pferdefigur
Pinzetten
Bernstein
Pflanzenwurzeln
eine Raubvogelkralle
ein Schlangenschwanz
kleine Steine
Eine seltene Muschel aus dem Mittelmeerraum
Das Maglehøj-Grab enthielt ebenfalls eine reichhaltige Bestattung mit rituellen Objekten und einer Gurttasche mit besonderem Inhalt. Wie in Hvidegaard befanden sich darin Gegenstände, die nicht rein praktisch wirken, wie sorgfältig verpackte Objekte, Bernstein und symbolische Materialien. Dies deutet darauf hin, dass einige Elitefiguren aus der Bronzezeit nicht nur Krieger waren, sondern auch religiöse oder magische Rollen innehatten.

Germanische Völvas in der Römischen Eisenzeit
Gräber aus der Römischen Eisenzeit (ca. 1 bis 400 n.Chr.) zeigen, dass einige Frauen einen außergewöhnlichen Status hatten. Zwei archäologische Funde auf der dänischen Insel Fünen — das Blidgen-Grab und das Maglehøj-Grab — erregen Aufmerksamkeit wegen der Anwesenheit von magischen und rituellen Objekten. Archäologen schreiben diese Gräber weiblichen Kultspezialisten zu, wie Schamaninen oder Völvas.
Die Blidgen-Beisetzung
Das Grab: Gelegen auf einem markanten Landschaftsrücken in Brændelyndinge (Süd-Fünen), markiert durch große Steine. Die Funde:
Glasperlen,
eine silberne Mantelspelnadel
Überreste einer Erlenholzkiste
Im Inneren stand eine Lindholzkiste mit drei Bronzegefäßen und einer einzigartigen Sammlung ungewöhnlicher Artefakte.
Das Maglehøj-Grab
Das Grab: Ein weibliches Grab, bekannt für den Fund einer rituellen Riemendose (ein Metallkästchen, das am Gürtel getragen wurde). Die Funde:
Kleine Gegenstände aus Knochen und Zähnen, darunter ein:
Pferdezahn,
die Klaue eines Luchses
15 Wirbelknochen einer 1,2 Meter langen Aeskulapnatter (Zamenis longissimus).
Was ist bemerkenswert?
Sonnensymbolik: Die Tiere in der Riemendose (Pferd, Vogel, Schlange) passen perfekt zur indoeuropäischen Ikonografie aus der Bronzezeit, in der diese Tiere der Sonne bei ihrer Reise über den Himmel halfen.
Ritueller Verschleiß: Sowohl der Pferdezahn als auch die Luchsklaue zeigen Verschleißspuren vom intensiven Reiben mit einem Finger. Archäologen vermuten, dass dies eine Form von "taktiler Magie" war, um in Trance zu geraten und mit der Geisterwelt zu kommunizieren.
Orakel und Gestaltenwechsel: Die Schlange steht historisch für Weisheit und Heilung. Die Schlangenknochen wurden vermutlich als Orakel verwendet, um vorherzusagen oder auf die Fähigkeit zum Gestaltenwechsel hinzudeuten (ein bekanntes Konzept in der Nordischen Mythologie bei Göttern wie Odin und Loki).
Häufig Gestellte Fragen (FAQ)
Warum erhielten Völvas oft ein Spinnrad in ihrem Grab?
Das Spinnrad symbolisiert das Spinnen des Schicksals. Im Indoeuropäischen Paganismus steht das Schicksal im Mittelpunkt; die Völva wurde als diejenige angesehen, die die Fäden des Schicksals "lesen" oder sogar beeinflussen konnte, ähnlich wie die Nornen.
Ist die Völva dasselbe wie eine Hexe?
Im modernen Sinne ja, aber historisch gesehen war die Völva eine anerkannte, respektierte Priesterin oder Seherin, keine verbannte Figur aus Volksmärchen.
Zusammenfassung
Die Völva war eine unverzichtbare Säule der germanischen und nordischen Gesellschaft. Aber ihre Wurzeln reichen bis zu den Proto-Indoeuropäischen Ahnen zurück. Mit ihrer mächtigen Position im Stamm war sie diejenige, die das Schicksal deuten konnte. Ihr Vermächtnis lebt weiter in Sagen und in den sorgfältig ausgestatteten Gräbern, die Archäologen auch heute noch enthüllen.